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Auftraggeber: Der mit Lektor, der ohne Lektor

Lektoratskunden im täglichen Geschäft

Seitdem ich Freiberuflerin bin, lektoriere und korrigiere ich für deutsche Auftraggeber, die hier in Deutschland spanische Texte veröffentlichen lassen. Über die Jahre habe ich meine Erfahrungen gesammelt und festgestellt, dass es hauptsächlich zwei Typen von Auftraggeber in diesem Bereich gibt:

Der Auftraggeber 1, der meint, ein Kollege oder ein Mitarbeiter kann es schon machen.

Eine Agentur in München. Eine Mitarbeiterin schickt mir Texte und bittet mir um einen Kostenvoranschlag zum Lektorieren. Sie hatte die Texte als deutsche Muttersprachlerin selbst ins spanische übersetzt. Der Text war nicht schlecht übersetzt, enthielt aber orthografische Fehler und  Formulierungen, die entweder unverständlich waren oder 1 zu 1 aus dem Deutschen ins Spanische übersetzt waren. Desweiteren hatte sie die spanische Interpunktion nicht beachtet. Sie hatte also den Text auf Spanisch mit der deutschen Interpunktion geschrieben (z. B. mit Gedankenstrichen, mit dem ersten Anführungszeichen unten gestellt und nicht oben usw.).

Kurz nachdem ich meinen Kostenvoranschlag geschickt hatte, kam schon ihre Antwort: „Leider kann ich den Auftrag nicht erteilen.“ Ich habe dann nachgehackt und gefragt, woran es lag. Die Mitarbeiterin meinte, dass mein Kostenvoranschlag für ihren Vorgesetzten zu teuer war. Sie haben einen Kollegen in ihrer Niederlassung in Spanien, der die Korrekturen vornehmen wird. Er kann zwar kein Deutsch, versteht aber von der Materie, meinte sie.

Nun gut. Als Externe kann ich so eine Entscheidung des Vorgesetzten nicht beurteilen. Auffällig für mich aber waren zwei Tatsachen: zum einen hatte der Vorgesetzte schon mal keinen Übersetzer beauftragt, sondern die Mitarbeiterin mit der für sie fachfremden Aufgabe beauftragt. Das Ergebnis war nicht veröffentlichungsreif, dessen war sich die Mitarbeitern bewusst. Zum anderen hat mir dieselbe Mitarbeiterin während unseres E-Mail-Gesprächs (sie war sehr nett) gestanden, dass sie das Lektorat wollte.

Der Auftraggeber 2, der zunächst eine Lösung sucht.

Ein anderes Lektorat: ein Architekturverlag in München, der ein Fotobuch ohne Text herausbringt. Das Buch wird mit einem Beilegerheft bestückt, das auf Deutsch, Englisch und Spanisch geschrieben wurde. Ich sollte den spanischen Text überprüfen. Ich habe meiner Ansprechspartnerin den Kostenvoranschlag mit Begründung (wie beim Auftraggeber 1 übrigens auch) geschickt, und sie hat es akzeptiert. Mit dieser Art Kunden ist es sehr angenehm zu arbeiten. Sie richten zunächst ihr Augenmerk auf das Problem, das der Freiberufler ihm lösen kann. Als Freiberufler wird man so nicht sofort über den Preis definiert. Der Auftraggeber honoriert eher, dass der Freiberufler ihm eine Lösung bietet.

Kundentypen

Diese beiden Erfahrungen, die ich letztens ziemlich nah beieinander erlebt habe, führen mir immer wieder vor Augen, dass man mit Auftraggebern gelassen umgehen sollte. Denn wir sind selbst Kunde, wenn wir als Verbraucher unterwegs sind. Wir verhalten uns auch manchmal wie Auftraggeber 1, manchmal wie Auftraggeber 2.

Marta Stelmaszak, eine Übersetzerin für Polnisch und die in London wohnt, hat in einem Video die drei Kundentypen, mit denen ihrer Meinung nach ein Freiberufler hauptsächlich zu tun hat charakteriziert. Ihre Analyse bezieht sich auf Übersetzer; ist aber auch auf andere freiberufliche Berufen übertragbar. Mein Auftraggeber 1 entspricht dem Auftraggeber A von Frau Stelmaszak: Verhandeln mit ihnen ist aussichtslos, weil sie uns auf den Preis reduzieren. Mein Auftraggeber 2 entsprach eher dem Kundentypen C: ein Auftraggeber der auf Qualität setzt und mit uns auf Augenhöhe verhandelt.

Und Sie, welche Erfahrungen haben Sie bis jetzt gemacht?

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