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Die dritte Sprache bei einer Übersetzung und ihr Lektorat

Die dritte Sprache

Wie die Übersetzerin und Schriftstellerin Anna Rossell in ihrem Buch „Manual de traducción alemán-castellano“ beschreibt, erzeugen ÜbersetzerInnen eine dritte Sprache, wenn sie die Sprache A in die Sprache B übersetzen, selbst wenn die Sprache B ihre Muttersprache ist. In einigen Aspekten der Übersetzung, diese dritte Sprache steht zwischen der Ausgangs- und der Zielsprache. Mehr als einmal haben wir übersetzte Texte gelesen, die wir zwar verstehen, die aber nicht gut klingen. Sie sind in dieser dritten Sprache geschrieben worden. Verständlich, aber in manchen Stellen zu nah an der Ausgangssprache. An dieser Stelle setzt das Lektorat an.

In meiner Arbeit als Lektorin bin ich einigen Beispielen dieser dritten Sprache begegnet. Schon 2014 habe ich in diesem Beitrag darüber geschrieben. Neulich aber habe ich eine Veröffentlichung über einen deutschen Forscher lektoriert, die hervorragend übersetzt worden ist, dennoch auch nicht frei von dieser dritten Sprache war. In diesem Beitrag habe ich dazu einige Beispiele gesammelt.

Die Ausgangssprache und ihr Lektorat

 Jubiläum

Die Veröffentlichung wurde zum Geburtstagsjahr eines Forschers verfasst und übersetzt, der schon längst gestorben ist. Ein Wort dafür auf Deutsch ist Jubiläum. Die Übersetzung aber spricht von este jubileo, das auf Spanisch zwar existiert, aber eine andere Bedeutung hat.

Dritte Sprache

In diesem Kontext, von fiesta conmemorativa, oder aniversario zu sprechen ist angemessener.

Sammlung

Die Veröffentlichung befasst sich auch mit einer Umfrage, die die Autorin unter Experten gemacht hat. Bei der Umfrage hat die Autorin Daten gesammelt, und die Übersetzung spricht dann von einer recolección, was m. E. zu nah an das deutsche Wort Sammlung angelehnt ist. In diesem Zusammenhang ist recopilación oder recogida besser.

Blick

Ein weiteres Substantiv, welches jeweils anders übersetzt werden muss, je nachdem, was der Text aussagt, ist Blick, also vista, das aber auch als mirada übersetzt werden kann. In der Übersetzung der Veröffentlichung wird empfohlen, dass wir eine vista diferenciada auf das Gebiet, das der Forscher untersucht hat, werfen. In diesem Zusammenhang ist una mirada diferenciada besser, und so habe ich im Lektorat korrigiert.

Bestimmte Verben

a) Auch Verben wie sorgen für, verbinden oder sich bieten muss man immer an die jeweiligen Zusammenhänge anpassen. In der Übersetzung stand, dass der Forscher sich als Projektionsfläche anbietet: „ofreciéndose como una figura de proyección“.

Dieses Gerundium ofreciéndose kommt aus dem Original sich bieten und ist im Deutschen  richtig in seiner metaphorischen Bedeutung. Aber dieser Forscher hat sich niemals aktiv angeboten. Die Botschaft ist eine Projektion auf die heutige Zeit. Hier wäre mein Vorschlag näher an einer flüssigen Lektüre: „… [él] se brinda como una figura de proyección„.

Dritte Sprache

b) An einer anderen Stelle spricht der Text davon, dass wenige Leute die Schriften und die Gedanken des Gelehrten genutzt haben, sich einer Sache zu widmen. Im spanischen Text wird es wörtlich übersetzt mit „aprovecharse de esta oportunidad de ocuparse de sus escritos o de su pensamiento“

Auf Spanisch aber widmen wir uns nicht einer Sache, wenn es ums Lernen oder um eine Forschung geht. Eine natürlichere Übersetzung würde es so umformulieren: „Aprovecharse de esta oportunidad de estudiar sus escritos o su pensamiento“.

Die Übersetzung von hier

Anna Rossell spricht auch darüber, dass die deutsche Sprache viel mehr Bezüge im Satz selbst oder auch satzübergreifend benötigt. Wörter wie darin, davon, das, dazu, es oder hier sind von der Grammatik her nötig. Die spanische Sprache braucht aber nicht so viele direkten Bezüge, und dann muss man diese weglassen oder den Satz umschreiben. In meiner letzten Korrektur über die oben erwähnten Veröffentlichung standen mehrere Beispiele mit einer zu nahen Übersetzung von hier. Hier drei Beispiele:

1. Beispiel:

Así, a menudo se le atribuye un papel importante en la búsqueda de una nueva identidad […]. Aquí en cierta medida, se tiende a ver [al investigador] como uno de los «padres fundadores

Vorschlag: En este caso, en cierta medida

2. Beispiel:

Un ejemplo de esto es [ciudad]: aquí se da un notable interés en [el investigador]

Vorschlag: en esta ciudad

3. Beispiel:

La sugerencia explícita de [país que conoció el investigador] aquí fue que el año 2019 debería ser usado como una oportunidad para discutir abiertamente los temas clave que conforman el pensamiento y el trabajo de [el investigador].

Vorschlag: en este sentido, en este contexto

Es gab viele weitere Fälle, denn die Veröffentlichung umfasst knapp 300 Seiten. Aber wie anfangs erwähnt, ist die Übersetzung ins Spanische ausgezeichnet. Hier wollte ich nur ein einige Beispiele vom Lektorat einer Übersetzung sammeln, bei der man viel entfernter vom Ausgangstext liest und korrigiert.

Meine erste Korrektur einer maschinellen Übersetzung

Maschinelle Übersetzung

Im Oktober 2018 hatte ich einen interessanten Auftrag erhalten: die Korrektur einer maschinellen Übersetzung auf Spanisch, mit Ausgangsprache Englisch. Manche Übersetzer wollen davon nichts wissen, ich jedoch finde, dass die maschinelle Übersetzung gar nicht mehr wegzudenken ist und dass im Gegenteil ihre Anwendung eher zunehmen wird. Das heißt aber nicht, dass die maschinellen Übersetzungen so weit sind, dass man sie auch veröffentlichen kann. So weit sind sie nicht, und deswegen bin ich fest davon überzeugt, dass wir ÜbersetzerInnen noch viel zu tun haben werden.

Als Forschungsgebiet gehört die maschinelle Übersetzung der Computerlinguistik und ist ein Teilbereich der künstlichen Intelligenz. Die menschliche Übersetzung ist Gegenstand der angewandten Sprachwissenschaft.
Übersetzung

Postedition

Der Fachbegriff für diese Art Korrektur nennt man Postedition, also das Editieren eines Textes nachdem er durch eine Maschine übersetzt worden ist. Dieser kurzer Beitrag von textmaster.de beschreibt die Postedition ebenfalls.

Der Auftrag

Der Auftrag war ein Booklet aus dem Englischen, welches der Kunde in die spanische Sprache über die maschinelle Übersetzung hat übersetzen lassen. Das Ergebnis konnte man lesen, aber es war natürlich an vielen Stellen holprig bis fehlerhaft. Es ging um Finanzen und die Entwicklung einer neuen App, und abgesehen von ein paar Fachbegriffe, war der Text stilistisch nicht anspruchsvoll. Aber insgesamt habe ich drei Hauptschwäche festgestellt:

  1. Da der Ausgangstext im Englischen war, hat die maschinelle Übersetzung ständig zwischen (Du) und usted (Sie) gewechselt, also zwischen Duzen und Siezen. Warum, konnte ich nicht ganz erkennen, also habe ich mich für die Anrede auf Spanisch entschieden, damit der Text einheitlich war.
  2. Die maschinelle Übersetzung konnte auch nicht zwischen Synonymen unterscheiden. Zum Beispiel bei den Adjektive misleading, deceiving und blurring hat sie jeweils nur dreimal hinereinander engañoso übersetzt.
  3. Sie kann auch Redewendungen nicht richtig übersetzen. Zum Beispiel fresh as a cucumber. Auf Spanisch ist es nicht fresco como un pepino sondern fresco como una lechuga oder fresco como una rosa.

Mein Fazit ist, dass wir als ÜbersetzerInnen keine Angst haben müssen vor Google Translate, DeepL oder anderen weiteren Diensten, die noch kommen mögen. Man kann eigentlich das Gegenteil sehen: dass es eine gute Nachricht ist, dass sie da sind, denn mit ihnen werden wir noch viel zu tun haben. Wer mehr über das Thema erfahren und es vertiefen möchte, kann hier (auf Französisch) weiter lesen.

Übersetzerin für einen Selfpublisher

Die Anfrage eines Selfpublishers

Ende 2017 erreichte mich eine überraschende Anfrage per E-Mail. Ein Autor und Selfpublisher, also eine Autor welcher seine Werte selbst verlegt bzw. im Eigenverlag veröffentlicht, wollte seine Bücher auf Spanisch übersetzt bekommen und fragte nach einem Kostenvoranschlag für die Übersetzung von fünf Büchern, die er gleich mit im E-Mail-Anhang mitschickte. Alle Bücher waren Sammlungen von Aphorismen und Weisheiten, die der Autor schon auf Deutsch veröffentlicht hatte.

Nach einer regen digitalen Konversation einigten wir uns auf ein Pauschalpreis pro Buch. Bis zum Ende des Jahres 2017 hatte ich für ihn fünf Bücher übersetzt, die er gleich layoutete und verlegte. Man kann sie als E-Books oder auch als gedrucktes Buch beziehen. Den Namen des Autors werde ich hier nicht verraten, denn ich weiß nicht, ob er noch mit seinem alten Namen genannt werden möchte. Seine Bücher auf Deutsch sowie meine Übersetzungen sind alle noch auf amazon.de und amazon.es erhältlich.

Wir hatten uns auf weitere Bücher für das kommende Jahr geeinigt, mit festen Preisen pro Buch und auch festen Abgabetermine. Insgesamt wären es etwa dreizehn Bücher gewesen.

Die zwei Überraschungen

Dann, Ende des Jahres 2017, kam für mich die erste Überraschung. Alles stoppen. Ich dürfte nichts weiter übersetzen. Warum, weiß ich nicht. Ich habe natürlich nicht nach den Gründen gefragt.

Aber das war nicht das Ende der Beziehung zwischen mir und dem Selfpublisher. Im März 2018 kam dieAmandan Selfpublisher zweite Überraschung. Er hätte drei weitere Bücher, auch diesmal  Sammlungen von Aphorismen und Weisheiten, und er hätte auch noch den alten Namen abgelegt und einen neuen angenommen: Amandan. Die drei neuen Bücher, alle Die Weisheiten des Amandan genannt, habe ich zwischen März und April 2018 übersetzt, und man kann sie einzeln oder als Sammlung beziehen.

Hier der Link zur Sammlung:

Las sentencias de AMANDAN – Antología I.-III. Concebido durante un viaje conmovedor hacia él mismo

Seitdem habe ich nur kleinere Texte für ihn übersetzt, vor allem für die Seite von Amazon. Ich bin gespannt, wie es weiter geht. Er selbst weiß es nicht, denke ich, denn wie er sagt, „lebt er [heute] zurückgezogen und tut generell sehr wenig und wenn dann nur noch aus der spontanen Freude heraus“.

Nun bin ich gespannt, wann er wieder Freude empfinden wird, weitere Bücher zu schreiben und vielleicht auch diese durch mich übersetzen zu lassen. Bis jetzt war es eine sehr bereicherende Erfahrung für mich.