Spanische Zeiten: Alles nur Kultur? Blogparade

Katja Flinzner, die Übersetzungen, Redaktion und E-Commerce-Beratung unter ihrer Marke mehrsprachig handeln anbietet, hat für den März 2014 zu einer Blogparade aufgerufen. Hier ihr Aufruf:

Habt auch Ihr etwas zu Spanien zu erzählen? Zum spanischen Essen, dem spanischen Kino oder der spanischen Musik? Zur Geschichte Spaniens und der iberischen Halbinsel, zur spanischen Wirtschaft oder Politik? Oder wisst Ihr über den Stand des Online-Handels in Spanien, das Verhältnis der Spanier zum Internet oder die Nutzung mobiler Endgeräte in Spanien zu berichten? Bis zum 05. April 2014 wird das mehrsprachig handeln-Blog zum Sammelpunkt für alles, was Ihr über Spanien zu sagen habt. Ob Ihr im Rahmen der #Blogparade in Eurem eigenen Blog schreibt oder mangels eigener Möglichkeiten gerne als Gastautor auf mehrsprachig handeln veröffentlichen möchtet – ganz egal, ich freue mich über alle Beiträge!

Hier mein Beitrag, zum Thema der spanischen Uhrzeiten mit einem Blick hinter die Kulissen.

Spanische Zeiten – Wie spanische Uhren tickenUhr

Wer in Spanien urlaubt oder beruflich zu tun hat, wird sicherlich früher oder später gemerkt haben, dass dort die Uhren anders ticken. Man isst später zu Mittag, die meisten Geschäfte mittlerer Größe machen eine lange Pause zu Mittag und öffnen wieder gegen 17:00 Uhr. Geschlossen wird erst zwischen 20:00-21:00. Die großen Einkaufszentren machen zwar keine Mittagspause, schließen jedoch erst gegen 22:00 Uhr. Das Abendessen in den Restaurants wird nicht vor 21:00 serviert, und entsprechend spät geht man ins Kino oder ins Theater. Selbst Fußballspiele können im Sommer um 23:00 Uhr beginnen, was nicht unumstritten ist.

Meine Erfahrungen dort und hier

Wenn man selbst im Land lebt, fällt das gar nicht auf. Oder doch, wie wir später sehen werden. Als ich noch in Spanien lebte, hatte ich als Studentin an manchen Tagen Vorlesungen abends um 21:00 Uhr. An jenen Tagen bin ich etwa um eins ins Bett gegangen. Aufgestanden bin ich aber wie jeden Tag zwischen 7:00 und 8:00 Uhr. Denn in Spanien isst man zwar zwischen 14:00 und 15:00; der Tagesablauf beginnt aber wie in Mitteleuropa zwischen 8:00 und 9:00 Uhr, zumal gerade für Angestellten und Arbeiter. Die Folge ist ein längerer Arbeitstag als in Mitteleuropa, der aber nicht unbedingt produktiver ist, weil längere Arbeitszeiten einfach müder machen. Dazu kann man hier einen Bericht lesen.

Nach meinem Studium bin ich nach Deutschland gegangen. Ich habe mich ganz schnell an die Uhrzeiten hierzulande angepasst: der Tag ist hier straffer organisiert, man hat oft einen langen freien Feierabend. Und seitdem ich hier lebe, schlafe ich auch mehr und länger, weil ich eher ins Bett komme.

Auf der anderen Seite wurden, was den Zeitrhythmus angeht, die Besuche im Land meiner Eltern Jahr für Jahr immer quälender. Man muss sich wahrlich jedesmal an die neuen, alten Zeiten anpassen: später zu Mittag essen, später einkaufen, später ins Bett. Mein Mann und ich erleben jedes Mal einen kleinen „Jetlag“, als wären wir in einer anderen Zeitzone.

Oder sind wir etwa doch in einer anderen Zeitzone?

Geografische Lage

Zeitzone Spanien - Spanische Zeiten Blogparade

Bildausschnitt nach Vorlage (Standard Time Zones of the World) von CIA Maps erstellt

Ein Blick auf die Landkarte Europas verrät einen Grund für die spanischen Uhrzeiten: der Nullmeridian (auch Greenwich-Meridian genannt) liegt im Osten Spaniens. Nach der geografische Lage sollte Spanien also der westeuropäischen Zeitzone folgen (übrigens wie auch Frankreich, Belgien, Niederlande und Luxemburg). Wenn man aber die Grenze nach Spanien überquert, stellt man die Uhr nicht um, wie in England oder in Portugal. In Spanien folgt man der mitteleuropäischen Zeitzone wie in der Schweiz, Italien oder Deutschland. Für die Menschen in Spanien bedeutet das, dass sie permanent unter einem Jetlag leben, denn die offizielle Uhrzeit stimmt nicht mit der Sonnenzeit überein.

Franco und Deutschland

Was ist also passiert? Wie konnte es zu dieser Diskrepanz kommen? Jochen Mecke* erklärt es so: „Am 16. März 1940 stellte Spanien auf die mitteleuropäische Zeit um (GMT+1). […] Damit sollte Spanien […] dem Rhythmus des zu jener Zeit von den Nationalsozialisten besetzten Europas angepasst werden. Hinter der Umstellung stand nicht nur politisches Kalkül, sondern auch das kulturelle Bestreben, nicht mehr anders als Europa zu sein“. Nach dem Krieg hätte Spanien zur westeuropäischen Zeit zurückkehren können, tat es aber nicht. Franco wollte nicht und basta. Nach seinem Tod hatte das Land andere Probleme und das Thema kam nicht auf dem Tisch. Bis jetzt.

Initiative zur Rationalisierung der spanischen Zeiten

Unter der Führung des Unternehmers Ignacio Buqueras wurde im Jahr 2003 eine Vereinigung zur Rationalisierung der Zeit, die Asociación para la Racionalización de los Horarios Españoles (ARHOE), gegründet. Ihr Ziel ist es, dass die Regierung die Zeitzone in Spanien verändert. So könnte man einen strafferen Tagesablauf einführen und der Arbeitstag eher enden lassen, so dass die arbeitende Bevölkerung mehr Freizeit genießen kann. Obwohl noch nichts passiert ist, nimmt die Bekanntheit der Initiative stätig zu. Die Kommission organisiert Vorträge und nationale Kongresse, unterhält Beziehungen mit Politikern und betreibt eine ziemlich erfolgreiche Pressearbeit.

Den Teufelskreis durchbrechen

Doch eine Änderung des Tagesablaufs wird ein mühsamer Weg sein. Alle müssen sich umstellen: Die Schule, die eine Unterrichtspause zwischen 12:00 Uhr und 15:00 Uhr macht, um am Nachmittag bis 17:00 Uhr zu unterrichten; die Geschäfte, sowohl die kleineren Läden als auch die großen Einkaufszentren, die Banken, die Ärzte. Einige große spanische Unternehmen wie Iberdrola, Repsol oder Telefónica haben einen Tagesrhythmus eingeführt, der ziemlich europäisch ist, also straffer und mit einer kürzeren Mittagspause. Im Jahr 2006 verkürzte der ehemalige Minister des MAP (Ministerio de Administraciones Públicas, Ministerium für die Öffentliche Verwaltung), Jordi Sevilla, die Arbeitszeit im öffentlichen Dienst mit der política de luces apagadas (Politik der ausgeschalteten Lichter): er ließ die traditionelle lange Mittagspause abschaffen und verordnete den Beamten das Ende der Arbeitszeit um 18:00 Uhr.

Diese Maßnahmen sind aber bis heute die Ausnahme geblieben. Ein Beispiel, das deutlich macht, wie schwierig es ist, die Gewohnheiten zu ändern, sind die Sendezeiten mit den höchsten Zuschauerquoten im Fernsehen. Laut der ARHOE enden 90% der Sendungen mit den höchsten Zuschauerquoten gegen 23:30 Uhr und 55% davon sogar nach Mitternacht. Die Sender sind nicht abgeneigt, die Sendungen früher beginnen zu lassen, aber sie wissen auch, dass sie die meisten Zuschauer nicht erreichen können, solange die Arbeitszeiten spät enden. Denn 80% der  arbeitenden Bevölkerung und potentiellen Zuschauer sind unter der Woche erst gegen 22:00 Uhr zu Hause, sodass die Sendungen in der prime time nicht eher beginnen können. Ein deutlicher Teufelskreis.

Jochen Mecke bringt es wider auf dem Punkt: „Solange Spanien […] an der mittel- oder zentraleuropäischen Zeitzone festhält, wird das grundlegende Problem bestehen bleiben: die Diskrepanz zwischen zentraleuropäischen Zeit und einem von der westeuropäischen Zeitzone bestimmten Tagesrhythmus“.**

Erste Versuche einer Lösung

Im September 2013 hat das spanische Parlament sich zum ersten Mal mit dem Thema befasst und ein Bericht zugelassen, der die Regierung darum bietet, sich ernsthaft mit der Zugehörigkeit zur Zeitzone zu befassen. Dieser Bericht wurde von einem Ausschuss erarbeitet, der mit Abgeordneten aus allen Parteien besetzt war. Bevor aus dem Bericht ein Gesetz wird, muss er aber noch im Parlament besprochen werden. Bis jetzt hat sich das Parlament damit noch nicht befasst. Der Wirtschaftsminister Luis de Guindos versprach aber letztes Jahr, das Thema nicht in einer Schublade zu vergessen (no se olvidará en un cajón). Bis zum Ende der Legislaturperiode 2015 wird sich zeigen, ob das Thema dort bleibt oder ob es irgendwann hervorgeholt wird.

*Jochen Mecke: Gehen spanische Uhren anders? Zeitkulturen in Deutschland und Spanien. In: J. Mecke / H. Pöppel / R. Junkerjürgen (Hrsg.): Deutsche und Spanier – ein Kulturvergleich.Bundeszentrale für politische Bildung, 2012, S. 358
** Jochen Mecke: ibdem., S. 359.

3 Gedanken zu „Spanische Zeiten: Alles nur Kultur? Blogparade

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